Wilhelm Freiherr von Pechmann-Preis würdigt herausragende Leistungen in der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus und der Rolle der Kirche in dieser Zeit.

(München/Kirchenkreis Moers). Monika Greier, Gehörlosenseelsorgerin unter anderem für den Kirchenkreis Kleve, hat den mit 15.500 Euro dotierten Wilhelm Freiherr von Pechmann-Preis 2018 in München bekommen. Sie wurde für ihre Arbeit „Zwangssterilisation und das Verhalten der Gehörlosenseelsorge – Schritte zur Aufarbeitung" ausgezeichnet. Greier ist eine von 6 Preisträgerinnen, die jeweils 3.000 und einmal 500 Euro bekamen.

Die Nationalsozialisten hatten am 14. Juli 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erlassen. Auch viele Gehörlose wurden zwangsweise sterilisiert. Die damaligen Taubstummenseelsorger verfassten ein Merkblatt, in dem die gehörlosen Gemeindeglieder ermahnt wurden, dem Gesetz Folge zu leisten. Über dieses Thema verfasste die Moerser Theologin die jetzt prämierte wissenschaftliche Arbeit.

„Es ist eine Schuld, dass die Pfarrer damals ihre Gemeindeglieder aufforderten, sich den nationalsozialistischen Unrechtsgesetzen zu beugen, statt ihnen zu helfen. Zudem argumentierten die Theologen mit der Bibel und ließen das Unrecht wie Recht aussehen", erklärt die 55-Jährige. „Auch nach 1945 gaben die Geistlichen ihre Schuld nicht zu. Das ist beschämend." Im vergangenen Jahr hat die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge (DAFEG), deren Vorstandsmitglied auch Monika Greier ist, als Folge ihrer Forschungen eine Erklärung verabschiedet. In ihr wird die Schuld der Kirche anerkannt und die Opfer werden um Verzeihung gebeten.
Die Präsidentin der Landessynode der Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB), Annekathrin Preidel, ging in ihrer Laudatio auf diesen Schwerpunkt der Preisträgerin ein: "Sie machen sich mit Ihrer Veröffentlichung in besonderer Weise zur Anwältin der Gehörlosen und Taubstummen. Und Sie decken nicht nur den Skandal des Verbrechens der Nationalsozialisten an diesen Menschen auf. Sie gehen mutig einen entscheidenden Schritt weiter. Sie legen den Finger tiefer in die Wunde und fördern den Skandal hinter dem Skandal zu Tage – den Skandal, der auch nach 1945 unter einem Mantel des Schweigens und des Verdrängens verdeckt wurde."

In ihrer Ansprache warnte sie vor Geschichtsvergessenheit: „Wir dürfen nicht aufhören, uns erzählen zu lassen, was in unserer jüngsten Geschichte während des Nationalsozialismus geschehen ist. Wir müssen sensibel bleiben für das, was um Gottes willen nicht wieder geschehen soll. Wir dürfen nicht blind, taub und stumm werden angesichts dessen, was in unserer Gesellschaft gerade wieder geschieht."

Angesichts des erstarkenden Rechtspopulismus gelte es, verstärkt für ein demokratisches und menschenwürdiges Europa einzutreten, betonte die Regionalbischöfin von München, Susanne Breit-Keßler, in ihrer Begrüßungsrede zur Preisverleihung. Die neuen Rechten pervertierten mit ihren Programmen die konservativen Werte, die sie zu verteidigen vorgeben. Es gelte, „der Finsternis in den Köpfen und Herzen zu wehren", so Breit-Keßler, denn demokratischer und menschenwürdiger würde Europa durch einen weiteren Rechtsruck nicht.
Neben der Moerser Gehörlosenseelsorgerin wurden bei der Preisverleihung in München am 8. Februar fünf weitere Personen von der ELKB mit dem Preis ausgezeichnet. Monika Greier ist die einzige der diesjährigen Preisträger, die nicht in Bayern lebt.

Gestiftet wurde der Preis zum Gedächtnis an Wilhelm Freiherr von Pechmann (1859-1948), den ersten gewählten Präsidenten der Evangelisch-Lutherischen Generalsynode in Bayern. Er war von Beruf Bankdirektor und bekleidete internationale Ehrenämter in Wirtschaft und Kirche. Von Pechmann war ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Der Preis ehrt seine Verdienste um Humanität, Christentum und Kirche sowie sein Eintreten für jüdische Mitbürger.

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