Studierende, Professorinnen, Interessierte, Christen, Muslime und Atheisten kamen zur Tagung „Gendergerechtigkeit in Theologie und Weltanschauung" in die Hochschule Rhein-Waal. Die Tagung am Samstag zeigte, dass es noch viel mehr Fragen gibt als Antworten an einem Tag gegeben werden konnten. In einem Impulsreferat schilderte Prof'in Dr. Friederike Benthaus-Apel (Ev. Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Bochum) drei Modelle innerhalb ihres wissenschaftlichen Forschungsbeitrags: Das egalitäre-leistungsorientierte Modell (beide Eltern gehen gesellschaftlich anerkannt voll arbeiten), das egalitäre Teilzeitmodell (beide Eltern teilen sich Arbeit und Haushalt) und das gebrochen-komplementäre Modell. Dieses lässt Frauen zwar mit arbeiten gehen, unterstellt aber zugleich ungünstige Folgen für die Kinder. „Frauen sind vor allem in früheren Zeiten für die (religiöse) Bildung der Kinder zuständig gewesen", so Benthaus-Apel. Religiöses Wissen ginge mit der gleichberechtigten Wahrnehmung von Arbeitszeit beider Elternteile immer mehr verloren. Evidente Faktoren für das Interesse an Glauben, Spiritualität und Kirchlichkeit wären demographischer Art: Sozialisation in Ost- oder West-Deutschland, Alter, Einkommen und Bildung gehören zu den wichtigsten. Weiterhin sei davon auszugehen, so Benthaus-Apel, dass mit der Abnahme eines traditionellen Geschlechterrollenmodells und der Zunahme außerhäuslicher Formen der Bildung und Erziehung in Kindertagesstätten und Schulen durch die Ganztagesschulen und Betreuung in den Bildungseinrichtungen sich herkömmliche Formen der religiösen Sozialisation in den Familien mit verändern. Dies kann dazu führen, dass Frauen - weniger aus Tradition - denn bewusst weiterhin die Aufgabe der religiösen Erziehung in den Familien übernehmen. Dies könnte aber auch dazu führen, dass, gerade wenn in Partnerschaften neue Familienmodelle erprobt werden, welche die Mithilfe des Vaters für wichtig erachten, sich die Zuständigkeiten in der Familie für die religiöse Erziehung verändern und diese Aufgabe zwischen beiden Elternteilen neu ausgehandelt werden muss.

mehr zur Thematik im Buch: Benthaus-Apel, Friederike/Grenz, Sabine/Eufinger, Veronika/Schöll, Albrecht/Bücker, Nicola (2017): Wechselwirkungen: Geschlecht, Religiosität und Lebenssinn. Qualitative und quantitative Analysen anhand von lebensgeschichtlichen Interviews und Umfragen. Waxmann-Verlag. Münster.

tl_files/kirchenkreis-kleve/images/Aktuelles010/PlenumGendergerechtigkeit.jpgFoto vlnr: Moderatorin Andrea Blome, Nigar Yardim, Hans-Joachim Wefers, Azin Messing, Henrike Lerch

Nigar Yardim ist muslimische Theologin aus Duisburg. Sie hat an einer Handreichung mitgearbeitet, welche Genderrollen in der muslimischen Welt aufzeigt. „Es wird keine Rolle empfohlen oder aufgezwungen", sagte sie während der anschließenden Podiumsdiskussion. Denn: „Wir müssen uns nur vor Gott verantworten". Sie forderte, dass Frauen nicht nur Basare organisieren und den Haushalt führen sondern mitreden, mitentscheiden dürfen. Wie die Vertreterin der Klever Bahai- Gemeinde, Azin Messing, sieht sie Bildung als zentralen Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit, vielleicht sogar mehr Frieden auf der Welt. Insgesamt merkt Yardim derzeit, dass die Frage nach Krieg oder Frieden in der islamischen Welt außerhalb Europas mehr Beachtung geschenkt wird, als der Genderfrage.

Superintendent Pfarrer Hans-Joachim Wefers wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass Frauen der Weg in kirchliche Leitungsämter ja offen steht. „Wir müssen schauen woran es liegt, dass sie ihn nicht beschreiten." Seine grundlegende Motivation beim Genderthema sei die Gerechtigkeit für alle Menschen. Auch wenn in der Bibel nicht für alle (heutigen) Situationen die passende Antwort stünde, übergeordnete Grundsätze wie die Gleichheit aller Menschen würden bei den richtigen Antworten helfen. Gerne nimmt er Anregungen beispielsweise vom Fachausschuss Frauenfragen entgegen, die ihm und anderen helfen würden, Problematiken überhaupt wahrzunehmen. So könne er auch Impulse in die Gemeinden weitergeben.

Henrike Lerch vertrat den Humanistischen Verband NRW. Dessen 500 Mitglieder glauben nicht an Gott, organisieren aber weltliche Feiern wie die Namensfeier oder Trauerfeiern. Vor dem Verbot durch Hitler hatte der Verband weit mehr Mitglieder. Ihnen wurde durch eine Sterbeversicherung die Möglichkeit gegeben, die Beerdigung zu bezahlen. „Gendergerechtigkeit spiele im Verband als Thema keine große Rolle", so Lerch. Der Verband sähe alle Menschen als gleichberechtigt an und handele danach. Er arbeite jedoch punktuell an Themen wie dem Selbstbestimmungsrecht der Frau.

Angetippt wurden weitere Themen: Was ist mit dem dritten Geschlecht? Menschen, deren Geschlechtsorgane männlich und weiblich ausgeprägt sind. Es gibt eben mehr als zwei x oder ein x und ein y Chromosom. Bisher wurden sie auf Ämtern gezwungen, sich für Männlichkeit oder Weiblichkeit zu entscheiden, ohne eine dritte wählbare Option. Oder Menschen, die sich in einem männlichen Körper als Frau fühlen oder die sich gar nicht festlegen wollen? Am Samstag wurde deutlich: Auch wenn Gendergerechtigkeit und gleichberechtigte Teilhabe von vielen als sinnvoll anerkannt wird, bevor sich Genderrollen neu gefunden, akzeptiert und in der Gesellschaft integriert sind, vergehen Jahrzehnte. Ein interessanter Ansatz in dem Kontext ist die Idee, Geschlechter nicht mehr zu definieren. Dann wären zwar alle Menschen gleich, es würden jedoch auch keine Statistiken Ungerechtigkeiten aufdecken können. Der von Andrea Blome (Münster) moderierten Diskussion folgten Mittagspause und verschiedene Workshops.

Die Mitinitiatorin und Genderbeauftragte des Kirchenkreises Kleve, Ellen Kley-Olsen fand an der Tagung für sich gewinnbringend „die Verschiedenheit der Referentinnen, die Einbindung kirchlicher und kirchenkritischer Menschen, sowie die gute und gut vorbereitete Moderation eines komplexen Themas". Interessiert hörte sie dem Gedanken zu, dass das Maß an Bildung in Relation steht zur Bereitschaft, Krieg zu führen (Stichwort: gebildete Mütter schicken Ihre Kinder seltener in den Krieg). Ihr gefiel die lebhafte Diskussion aller, die auch nach den Workshops nicht aufhörte.

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