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Wer beherrscht meine Gefühle?
Angesichts der politischen Lage und gesellschaftlichen Entwicklungen in unserem Land erlebe ich viele Menschen wütend. Sie sind enttäuscht, weil sich in ihrem Alltag zu wenig bewegt oder sie sich mit ihren Sorgen nicht wahrgenommen fühlen. Manche haben Angst vor dem, was noch kommen könnte: vor weiterer Spaltung, vor wirtschaftlicher Unsicherheit, gar Krieg. Wieder andere sind politisch desillusioniert und fragen sich, ob ihre Stimme überhaupt noch zählt.
Solche Gefühle sind verständlich. Doch beginnen sie uns zu überwältigen. Populistische und radikale Kräfte verstärken sie gerne, und greifen damit nach Macht – über unsere Stimmung. Davon getrieben stehe ich schnell wie gelähmt da – wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange.
Da hinein spricht mich ein Bibelwort an: Ein Geduldiger ist besser als ein Starker, und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte einnimmt. (Sprüche 16, 32) Das klingt nicht groß nach Gegenwehr und eigenem Sieg oder lautem Triumph. Darin steckt vielmehr meine tiefe Hoffnung, dass gerade wer geduldig bleibt und sich selbst beherrscht nicht schwach ist.
Auch für Christinnen und Christen eine nicht immer einfache Charakterübung. Doch erinnert mich eine solche Haltung an Jesus, der in schwierigen politischen Zeiten standhaft blieb, Menschen zusammenführte und Frieden suchte, gerade dort, wo andere ausgrenzten. Selbstbeherrschung heißt darum nicht, alles still hinzunehmen. Sie heißt, sich nicht beherrschen zu lassen. Sie heißt, klar zu bleiben, wo andere aufheizen. Sie heißt, die Würde meines Gegenübers nicht preiszugeben, auch wenn der Streit hart wird.
Gefühlt ist gesellschaftlicher Frieden weit entfernt und der Weg dorthin wird noch dauern. Doch Hoffnung wächst oft klein: in einem mitfühlenden Wort, in einem Gespräch ohne Verachtung, in der Weigerung, sich von Angst regieren zu lassen. So gelebter Glauben führt zu Versöhnung, die letztlich mehr von Nöten sein wird, als jemand anderen zu beherrschen.
Dirk Elsenbruch, Prädikant, Evangelische Kirchengemeinde Goch