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Der Gemeindedienst Mission und Ökumene GMÖ-Niederrhein beschäftigt sich mit der Verwendung von Plastik, wie kam es zu dem Thema?

Im Jahr 2016 hat die Evangelische Frauenhilfe im Rheinland zum Thema Plastik ein sehr gutes Material erarbeitet: „Für die Ewigkeit – Plastik". Ich habe dies auf einem kreiskirchlichen Aktionstag präsentiert. Seitdem bin ich mit diesem Thema intensiv beschäftigt und wir haben es in das Programm des GMÖ (Gemeindedienst für Mission und Ökumene) aufgenommen. Das Thema Plastik ist als Teilbereich der „Bewahrung der Schöpfung" ein Kernanliegen unserer Arbeit. Außerdem entdecke ich immer wieder Bezüge in den weltweiten Bereich. So begleite ich eine Partnerschaft nach Ruanda, wo Plastiktüten seit 2008 komplett verboten sind. Das fasziniert mich und zeigt, dass politische Maßnahmen sinnvoll und möglich sind. Ich bin froh, dass die Problematik des Plastikmülls in den vergangenen Jahren auch in Deutschland und in Europa gesellschaftlich und politisch stärker in den Vordergrund rückte und auch schon erste Maßnahmen ergriffen worden sind.

Die Verwendung von Plastik ist aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken, wo steckt Plastik überall drin?

Bei einer Veranstaltung zu dem Thema lautet meine erste Frage immer: Auf welches Ding aus Kunststoff möchten Sie in Ihrem Alltag nicht verzichten? Zuerst wird meistens die Plastikdose in der Küche genannt, die Sprudelflasche oder die Zahnbürste. Erst allmählich wird bewusst, wie stark unser modernes Leben von Kunststoffen abhängig ist: alle elektrischen Geräte benötigen zur Isolierung Kunststoff, alle Fahrzeuge haben Reifen aus Gummi, in der Medizin sind Kunststoffe nötig, so z.B. bei Brille und Kontaktlinsen, von der künstlichen Herzklappe bis hin zur Spritze, und nachts schlafen die meisten von uns auf Matratzen, die aus Schaumstoff sind, also Kunststoff. Nicht bewusst ist uns, dass auch ein Großteil unserer Kleidung aus Kunstfaser besteht. Der Nutzen wird einem besonders deutlich, wenn man sich vorstellt, dass Frauen vor Erfindung der synthetischen Stoffe Badeanzüge aus Naturfasern getragen haben oder vor der Erfindung des Gummis Strumpfbänder angezogen wurden, damit die Strümpfe nicht herunterrutschen... Und welcher Schuh hat keine Gummisohlen? Wenn wir dies alles bedenken, dann wird uns bewusst, was für ein faszinierender und äußerst nützlicher Stoff Plastik darstellt.

Wenn Plastik so toll ist, was ist das Problem daran?

Kunststoff ist ein tolles und faszinierendes Material. Kunststoffe sind unglaublich vielseitig: entweder beweglich und weich oder aber hart und bruchsicher, durchsichtig oder farbig, feuerfest oder eben nicht. Manche Kunststoffe sind beweglich, aber gehen immer wieder in ihre ursprüngliche Form zurück wie z.B. Matratzen oder Reifen. Andere sind als Mikroplastik winzig klein und verleihen Cremes oder Haarspülung die gewünschte Konsistenz. Der Nutzen, den uns Kunststoffe bieten, ist faszinierend. Und da Kunststoffe aus Erdöl, Erdgas oder Kohle mit verschiedenen Beimengungen hergestellt werden, ist die Produktion sehr preiswert.

Aber genau hier liegt auch das Hauptproblem. Plastik ist so faszinierend und so günstig herzustellen, dass immer mehr davon produziert wird. Wurden im Jahr 1950 weltweit noch eine Million Tonnen Kunststoffe produziert, sind es heute 370 Millionen Tonnen. Etwa ein Drittel des gesamten hergestellten Plastiks wird für Verpackungen verwendet, die wir in der Regel kaum mehr als 5 Minuten in der Hand haben, bevor wir sie wieder wegwerfen. Da in vielen Ländern der Erde die Müllentsorgung nicht so gut ausgebaut ist wie bei uns, wird Müll über Flüsse entsorgt und landet im Meer. 80 Prozent der etwa 10 Millionen Tonnen Plastikmüll, die jährlich ins Meer gelangen, ist Hausmüll. Der Plastikmüll bewegt sich in sechs riesigen Strömungswirbeln im Kreis. Der größte, der „Great Pacific Garbage Patch" ist viermal so groß wie Deutschland.

Das zweite Hauptproblem besteht darin, dass Kunststoffe extrem haltbar sind. Während eine Tageszeitung nach 6 Wochen und ein Baumwoll-T-Shirt nach 2-5 Monaten im Meer abgebaut ist, überdauert eine Plastiktüte 20 Jahre, ein Styroporbecher 50 Jahre, eine Plastikflasche 450 Jahre und ein Fischernetz sogar 600 Jahre. Und Plastik, das einmal im Meer ist, verschwindet in der Regel nicht mehr, sondern es zerfällt in immer kleinere Teile und sinkt auf den Meeresgrund. Etwa 70 Prozent des Kunststoffes in den Weltmeeren ist als Mikroplastik am Meeresboden, 15 Prozent wurde an die Strände gespült und 15 Prozent befindet sich an der Wasseroberfläche. Dabei bedeutet das Plastik in den Weltmeeren eine große Gefahr für Tiere: Wale verirren sich unter dem Plastikmüll und verenden, Robben und Meeresschildkröten verfangen sich in „Geisternetzen" und Fische und Meeresvögel verwechseln das Mikroplastik mit Plankton und verhungern bei vollem Magen.

Sie sind auch in Gruppen von Kirchengemeinden mit dem Thema unterwegs, zum Beispiel bei Konfirmandentagen oder in der Erwachsenenbildung. Jüngst fand ein Blauer Salon der Fachgruppe Älterwerden/Erwachsenenbildung in Goch statt, was ist dafür die Motivation?

Viele Menschen heute sind fassungslos angesichts der „größten Müllkippe der Welt", die so gut versteckt ist, dass man sie jahrzehntelang nicht wirklich wahrgenommen hat. Und viele fragen sich, was wir heute tun können.
Für einen Teil des Plastikmülls in den Weltmeeren sind auch wir verantwortlich: über die Wäsche von synthetischer Kleidung gelangt ein große Menge Mikroplastik ins Abwasser und schließlich über Flüsse ins Meer. Besonders Fleece-Pullis geben sehr viele Fasern ab, da der Stoff eine so offenporige Struktur hat. Hier hilft zum Beispiel ein Wäschebeutel, der diese Fasern auffängt. Zudem könnte man solche Kleidungsstücke seltener waschen, nur wenn es wirklich nötig ist. Auch durch Kosmetika, Cremes und Shampoo gelangt eine größere Menge Mikroplastik in das Abwasser. Es gibt Kosmetika ohne Mikroplastik, die allerdings nicht so einfach zu erkennen sind, weil sich das Mikroplastik hinter Namen wie z.B. Acrylat oder Polyamid versteckt. Eine Handy-App hilft zu erkennen, ob Mikroplastik in dem Produkt versteckt ist. Eine weitere wesentliche Verschmutzung durch Mikroplastik liegt im Reifenabrieb der Autos.

Des Weiteren ist es für viele Menschen, mit denen ich im Gespräch bin, ein großes Anliegen, dass wir bewusster und sparsamer mit Plastikverpackungen umgehen. Denn sowohl die Herstellung als auch die Entsorgung von Plastik kostet Energie und Ressourcen und nur etwa 1/3 des Plastikmülls kann dem Recycling zugeführt werden. Jede Familie trifft 14.000 Kaufentscheidungen pro Jahr, jedes Mal eine neue Chance, Plastik zu vermeiden.

Es gibt „Unverpackt-Läden", es gibt Supermärkte, die an der Kasse auf Plastiktüten verzichten, haben Sei das Gefühl, das Thema ist bei Leuten angekommen?

Ja, ich habe den Eindruck, dass immer mehr Menschen sehr viel bewusster einkaufen als noch vor ein paar Jahren. In manchen Geschäften sind Plastiktüten abgeschafft, in anderen kosten sie Geld. Viele Leute gehen zum Markt, um dort verpackungsfrei einzukaufen, sie greifen zum Joghurt im Glas oder zur Milch in der Flasche. Und sie sprudeln sich zu Hause Leitungswasser statt Wasser aus der Plastikflasche zu trinken. Ich erkenne einen Trend darin, sich statt „Fast Food" bewusst Zeit zu nehmen, den Kaffee wieder in Ruhe im Café zu trinken oder als „Becherheld" den eigenen „Kaffee to go"-Becher über die Theke zu reichen. Der Unverpackt-Laden in Geldern ist ein gutes Beispiel für einen neuen Trend zum umweltbewussten Leben und eine hervorragende Fundgrube für Ideen zum plastikfreien Einkauf. Das hat mir gut gefallen!

Ich bin immer wieder fasziniert, dass dieses Thema Alt und Jung bewegt und dass unabhängig vom Alter alle den Wunsch haben, etwas zu verändern. Einen kleinen Unterschied gibt es: die alten Menschen sind noch in einer Zeit groß geworden, in der es wenig Plastik gab. Sie kennen ein Leben ohne Plastik. Allerdings haben auch sie sich in den vergangenen Jahrzehnten an das Leben mit Plastik gewöhnt.

Mir ist es dabei wichtig, den Leuten nicht ein schlechtes Gewissen zu vermitteln. Sondern mir ist es ein Anliegen, die Menschen über Chancen und Probleme des Kunststoffes zu informieren und gemeinsam Ideen zu entwickeln, wie wir anders und bewusster leben können. Dabei lerne ich auch immer wieder Neues dazu.

Wenn eine Gemeinde oder Institution Sie zu einem Vortrag einladen will, wie sind Sie zu erreichen?

Sie erreichen mich über mein Dienst-Fairphone: 0151 / 45 63 40 03 oder per E-Mail: Martje Mechels

Vielen Dank sagt Stefan Schmelting!

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